Johann Bossard: Tempel bzw. Bergtempel, (JB 2841), 1903 – 1921

 

 

Der Tempel ist Blatt 31 des aus 53 Blättern bestehenden graphischen Bilderzyklus, den Johann Bossard zwischen 1903 und 1921 erschaffen hat. Feste Konstanten der Themenwelt des Künstlers werden hier widerspiegelt: der Kreislauf von Werden und Vergehen, die vier Jahreszeiten mit den dazugehörigen Arbeiten und Tätigkeiten im Jahreslauf, verschiedene Menschenalter, aber auch Städtebau sowie mythologische und religiöse Inhalte.

 

Bis 1904 entstanden 20 Blätter, die den ersten Teil bilden. Johann Bossard vervollständigte den Zyklus aber erst ab 1920 um die restlichen 33 Blätter. Im August 1921 schrieb er an seinen Schweizer Mäzen Emil Hegg: „Mit den Lithos habe [ich] noch viel zu tun (…). Es stehen jetzt noch 5 Blätter aus (…). In einigen Wochen wird dan[n] alles beisam[m]en sein.“ 

Aufgrund der langen Entstehungszeit von fast zwanzig Jahren reichen die Darstellungen stilistisch von Formen des Klassizismus und Jugendstils über den Symbolismus bis hin zum Expressionismus.

 

Der Tempel steht im Kontext eines Erneuerungsrufes, der nach dem Ersten Weltkrieg unter anderem durch den Künstler Bruno Taut laut wurde. So initiierte Taut im Anschluss an die Ausstellung für unbekannte Architekten die Gläserne Kette, eine Vereinigung expressionistischer Architekten, die eine alle Künste in sich vereinigende ideale Architektur, ein Gesamtkunstwerk unter dem Primat der Architektur, forderten. Anstelle von Zweckbauten sollten nun Kultbauten als Sinnbilder einer neuen Weltordnung entstehen. Die Künstler beriefen sich dabei größtenteils auf bereits um die Jahrhundertwende in der Lebensreform aufgekommene Ideen, in denen wehrhafte Burgen, biomorphe Kirchen und Kristallschlösser – auf Bergspitzen gesetzt oder in die Bergformation eingehauen – als Hoffnungsträger eines neuen Glaubens im Fokus standen.

 

Diesen Architekturphantasien ist auch Bossards monumentaler Tempel zuzuordnen. Das schwere Mauerwerk erinnert dabei allerdings eher noch an die Teutonenästhetik von Bismarcktürmen; lediglich der kuppelartige Überbau lässt die neue Tendenz der lichten und luftigen kristallinen Bauvorstellung erahnen. Während für den symmetrischen Aufbau und die Wächterfiguren vielleicht das Völkerschlachtdenkmal von 1913 Pate stand, sind die steile Rampe und der eiförmige Eingang Anleihen bei Fidus’ Tempel der Erde (1901). Auch die beiden mit erhobenen Armen auf den Vorsprüngen positionierten männlichen Figuren erinnern in Hinblick auf ihre Körperform und -haltung an den die Sonne anbetenden Jüngling aus Fidus’ Lichtgebet, der seine Arme dem Segen spendenden Licht entgegenstreckt, um eins mit dem Kosmos zu werden. 

 

Während viele utopische Tempelarchitekturen jener Zeit über das Stadium ihres Entwurfes oder eines in Ton ausgeführten Modells nicht hinauskamen, realisierte Johann Bossard – als Ausnahmeerscheinung – bereits wenige Jahre später seinen Tempel in der Lüneburger Heide, allerdings sehr abweichend von der 1921er Spielweise. Barbara Djassemi